Die Kieferninseln von Marion Poschmann

 

Lange bin ich um dieses Büchlein herumgeschlichen. Zum Glück habe ich es doch in die Hand genommen und nicht mehr losgelassen bis die letzte Seite gelesen war. Mit wenigen Pausen. Ein faszinierendes Lesevergnügen!

Gilbert Silvester träumt, dass seine Frau ihn betrügt. Dieser Traum löst bei ihm eine Kurzschlusshandlung aus, denn er reist völlig unvorbereitet nach Japan.

Gilbert ist ein konservativer Mann mit nostalgischen Gewohnheiten. Von Beruf ist er Wissenschaftler, genauer gesagt Bartforscher. Er reist eigentlich lieber in Kaffeeländer als in Teeländer und hat keine Ahnung davon, was ihn in Japan erwartet.

„Viel wusste er nicht über Japan, es war nicht gerade das Land seiner Träume. Zu Samuraizeiten hatte dieses Land seine mißliebigen Intellektuellen auf abgelegene Inseln verbannt oder gezwungen, Seppuku, eine blutrünstige Form des Selbstmords, auszuüben. Wie die Dinge lagen, reiste er an den passenden Ort.“

Auf dem Bahnhof in Tokio lernt er einen Mann mit Ziegenbart kennen. Yosa Tamagotchi. Gilbert Silvester hält ihn davon ab, sich vor den Zug zu werfen. Von diesem Moment an verbringen die beiden ihre Zeit gemeinsam. Gilbert liest ein Buch über die Reisen des Matsuo Basho, dem großen Erneuerer des Haikus. Basho hatte vor über 500 Jahren eine weite Pilgerreise in den Norden nach Matsushima zur Bucht der Kieferninseln unternommen. Dies gefällt Gilbert so sehr, dass er mit Yosa auch zu diesem Ziel reisen möchte.

Yosa reist mit einem Ratgeber für Selbstmörder. Ich konnte es kaum glauben, aber diese Ratgeber für Selbstmörder gibt es in Japan tatsächlich. Wobei das Thema Selbstmord in Japan generell sehr bedeutsam ist. Die Selbstmordrate ist hoch.  Auch den Wald der Selbstmörder (Aokigahara), den die beiden auf Wunsch von Yosa bereisen, hat sich die Autorin nicht ausgedacht. Man findet dort tatsächlich Bänder, mit denen die Selbstmordkandidaten ihren eventuellen Rückweg markieren. Es ranken sich viele Legenden um diesen Wald. Keine Legende sind die Schilder im Wald, die daran erinnern, wie wertvoll das Leben ist, und die am Ende eine Notfall-Telefonnummer zeigen. Ein Film aus Hollywood, „The sea of trees“, spielt in diesem Wald. Ich persönlich kenne ihn nicht.

Im Roman werden immer wieder interessante Fakten eingearbeitet sowie Legenden zur japanischen Kultur eingeflochten. Ich habe als Leser die beiden sehr gegensätzlichen Protagonisten sehr gerne begleitet. Ich mag es, wenn ich die Sprache genießen kann, mich die Handlung mitreißt und ich nebenbei auch noch Wissenswertes und Kurioses erfahre, über das ich im Anschluss an die Lektüre noch ein wenig mehr in Erfahrung bringen möchte.

Ob die beiden ihr Ziel, die Kieferninseln, wirklich erreichen, werde ich selbstverständlich nicht preisgeben.

Auf jeder Seite des Buches erkennt man, dass Frau Poschmann Lyrikerin ist. Ihre Sprache ist poetisch, interessant, grandios. Auch der unterschwellige Humor hat mir sehr gut gefallen. Es werden am Ende nicht alle Fragen explizit beantwortet, wobei ich auch das als Stilmittel, wenn es denn eines ist, mag.

Einige zentrale Themen des Buches sind: Träume, Bärte!!, Selbstmord, Japan, Bäume und Haikus.

Das bekannteste Haiku von Basho lautet wie folgt:

Der alte Teich.

Ein Frosch springt hinein –

das Geräusch des Wassers

Das Thema „Bärte“ im Buch fand ich sehr unterhaltsam. Oft hatte ich beim Lesen ein Grinsen im Gesicht. Dabei habe ich gemerkt, dass ich von Japan wirklich keine Ahnung habe. Denn in Japan werden Männer häufig nach ihrem Bart beurteilt. Teilweise sind Bärte sogar verboten. Ich habe in einem seriösen Magazin einen Artikel gefunden, in dem es darum ging, dass U-Bahnfahrer die Behörden wegen der Rasierpflicht verklagten. Ein Verkehrsunternehmen hatte bärtigen Fahrern ihre Boni gekürzt. Vielleicht bin ich auch deshalb von dem Buch so begeistert, weil mir in einer fantastischen Sprache ein mir bis dato fast unbekanntes Land näher gebracht wurde.

„Zum Thema des japanischen Bartes kursierten mehrere Theorien. Die langweiligste war biologistisch: Manchen asiatischen Völkern fehle ein Gen oder was auch immer für den Bartwuchs verantwortlich zeichne, so daß sie, wenn überhaupt, nur äußerst spärliche Bärte entwickelten, die in ihrer Spärlichkeit nicht als Statussymbol taugten und daher lieber abrasiert würden. Eine andere Theorie besagte, daß es sich bei den bartlosen Männern im besten Alter schlicht um Befehlsempfänger handelte, da die Firmen von ihren Angestellten ein gepflegtes Erscheinungsbild verlangten, zu dem ein Bart unter keinen Umständen gehörte. Niemals würde man daher in Japan einen voll im Berufsleben stehenden Salaryman mit auch nur einem Hauch von Bart erblicken. Die dritte Theorie ging vom allgemeinen Reinlichkeitswahn der Japaner aus. Wer mit Bart auf die Straße trat, hatte an diesem Tag augenscheinlich das Bad nicht regelkonform benutzt und war einfach nur ungewaschen, ein Horror im Land des Purismus.“

Ich liebe Bärte!!

Oft habe ich meine Probleme mit Büchern, die für Buchpreise nominiert sind, aber mit diesem auf jeden Fall nicht. Ein eindrucksvolles Buch!

 

 

 

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