Kleine Stadt der großen Träume von Fredrik Backman

 

Nachdem ich die letzte Seite eines Buches von Fredrik Backman umgeblättert habe, erfüllt mich jedes Mal ein Gefühl der Leere. Ich bin traurig, dass ich ein Buch beendet habe, das mir einige Tage großes Lesevergnügen bereitet und mich mit jedem Satz berührt hat. Frederik Backman gehört zu meinen Lieblingsautoren und das nicht erst seit ich ihm auf einer Lesung in Hamburg persönlich begegnet bin. Backman schreibt Geschichten, die mich packen, mich nachdenklich stimmen und sämtliche Gefühlsregungen in mir auslösen.

In seinem aktuellen Roman geht es um die Menschen in Björnstadt. Einer Stadt, in der Eishockey eine zentrale Rolle spielt und Eishockey die Menschen in unterschiedlicher Form begleitet. Als Spieler, Manager, Eltern eines Spielers, Sponsor, Trainer, Politiker, Fan…

„Die Stadt erwacht wie an jedem Wochentag schon früh, denn kleine Orte müssen sich einen gewissen Vorsprung sichern, um sich in der Welt behaupten zu können. Auf die Reihen der PKW auf dem Parkplatz vor der Fabrik hat sich schon eine Schneeschicht gelegt und die Beschäftigten stehen mit halbgeöffneten Augen und noch halbgeschlossenem Bewusstsein schweigend Schlange, um sich ihre Existenz mittels elektronischer Zugangskarten von der Stempeluhr bestätigen zu lassen.“

Eishockey ist die Leidenschaft, die den kleinen Ort antreibt und eine bessere Zukunft mit neuen Arbeitsplätzen, Anerkennung und Ansehen bringen soll.

Alle Träume und Hoffnungen liegen auf einem Finalspiel der Junioren. Doch ein Ereignis kurz vor dem Finale bringt den ganzen Ort durcheinander. Von einem Moment auf den nächsten ist nichts mehr wie es war. Die Gemeinschaft bröckelt. Es stellen sich Fragen wie: Wer gehört zu den Guten? Sind die Bösen wirklich schlecht? Nimmt man persönliche Nachteile in Kauf, um andere Bewohner zu schützen? Haben die Reichen mehr Macht?

Fredrik Backman hat einen Roman geschrieben, in dem die großen Themen der Gesellschaft widergespiegelt werden. Es geht um Schuld, Gemeinschaft, Recht und Unrecht, Chancengleichheit, Liebe, Stolz, Freundschaft, Verrat, Tradition und nicht zuletzt um Geld und Erfolg.

Es passiert ein schreckliches Ereignis und man erfährt wie unterschiedlichste Personen damit umgehen. Wie sich ein ganzer Ort verändert, wie die Menschen quasi durcheinander geschüttelt werden und alles in Frage gestellt wird.

Man muss aber sicherlich kein Eishockeyfan sein, um diesen Roman zu mögen.

„Was kann uns der Sport vermitteln? Wir widmen ihm unser ganzes Leben, und worauf können wir im besten Fall hoffen? Auf einige wenige Augenblicke … ein paar Siege, ein paar Sekunden, in denen wir uns größer fühlen, als wir eigentlich sind, und vereinzelte Momente, in denen wir uns sogar einbilden … unsterblich zu sein. Das ist doch eine Lüge. So wichtig ist es doch auch wieder nicht.“

Ich mag die erzählerische Kraft und die Tiefe des Romans. Viele Sätze treffen einen direkt ins Mark. Man kommt nicht umhin, sich selber und sein Leben zu hinterfragen. Was würde ich tun? Welche Konsequenzen würde ich in Kauf nehmen? Was ist mir wichtig im Leben?

Auch wenn das Thema ernst ist, im Buch kommt auf keinen Fall der Humor zu kurz. Und dieser Humor ist einfach großartig.

„Maya lehnt ihre Gitarre an die Wand und geht Richtung Bad, wobei sie hinter dem Rücken ihrer Mutter die Augen so stark verdreht, dass man ihre Pupillen auf einem Röntgenbild mit Nierensteinen verwechseln könnte.“

„Mira hört, wie sich Ana und Maya hinten in der Cafeteria in eine hitzige Diskussion steigern, und Mira beeilt sich, die Treppe hinunterzugelangen, bevor eines der Mädchen noch irgendeine Bemerkung über Jungs macht, die das mütterliche Gehirn nachher mit Wasser, Seife und beträchtlichen Mengen Riesling wieder wegspülen müsste.“

Das Ganze erzählt Frederik Backman in seiner besonderen Sprache, die emotional nachwirkt. Wenn ich alle Sätze farblich markieren würde, die mir besonders gefallen, gäbe es kaum weiße Stellen im Text.

„Schon möglich, dass auch der Alkohol seine Worte etwas schärfer geschliffen hatte, und schon möglich dass Peter selbst nicht beabsichtigte, danach die Tür so fest hinter sich zuzuschlagen. Doch jetzt spielt dies keine Rolle mehr. Ein junger Mann hatte Björnstadt schweigend verlassen, und als er wieder zurückkehrte, war es zu spät für Worte, denn man kann einem Grabstein nicht in die Augen schauen und ihn um Verzeihung bitten.“

Bitte lest dieses Buch!! Nein, alle Bücher dieses tollen Schriftstellers!!

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