Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky

 

Ich bin sprachlos, wortlos. Weiß nicht, wie ich anfangen soll, dieses Buch in Worte zu fassen. Es hat mich gepackt, lässt mich nicht los, ich bin noch bei Luise, Frederik, Selma, Elsbeth, Marlies und dem Optiker. Es ist seltsam, was ein Buch mit mir machen kann. Ein Buch mit dem ich nur ein paar Tage verbracht habe. Das Buch ist ausgelesen, jedes Wort, viele davon habe ich mehrmals gelesen.  Die letzten 50 Seiten zu lesen habe ich rausgezögert, das Lesetempo verlangsamt.

Am liebsten würde ich sofort wieder von vorne anfangen. Und in den Zoo fahren, um ein Okapi zu sehen…

Danke Mariana Leky für dieses Buch, das ab sofort zu meinen Lieblingsbüchern gehört.

Worum geht es?

Es geht um Luise, die diese Geschichte erzählt. Luise wohnt in einem kleinen Dorf im Westerwald. Im ersten Drittel des Buches ist sie 10 Jahre alt (1983). Ihre Oma Selma und der Optiker kümmern sich um Luise, bringen ihr Lesen, Schreiben, Fahrradfahren und Schwimmen bei, während ihre Eltern damit beschäftigt sind, mehr Welt ins Leben zu lassen (das Motto vom ihrem Vater) bzw. zu überlegen, ob sie an ihrer Ehe festhalten sollen.

Es geht um Selma. Die gute Seele des Dorfes. Immer wenn Selma von einem Okapi träumt, was nicht wirklich oft vorkommt, stirbt innerhalb von 24 Stunden jemand aus dem Dorf.

„Die Leute im Dorf waren beunruhigt, man sah es ihnen an, auch wenn sie größtenteils versuchten, sich nichts anmerken zu lassen. Heute morgen, wenige Stunden nach Selmas Traum, bewegten sich die Leute im Dorf, als habe sich auf allen Wegen Blitzeis gebildet, nicht nur draußen, sondern auch in den Häusern, Blitzeis in den Küchen und Wohnzimmern.“

„Die Leute im Dorf beargwöhnten ihr Herz, das so viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt war und deshalb verstörend schnell klopfte.“

Während einige im Dorf mit verschwiegenen Wahrheiten herausrücken, verharren andere bewegungslos in der Wohnung. Einige schauen nach oben, auf Dachziegel, Äste oder Lampenschirme. Sie misstrauen den Hunden, sogar den friedlichen Kühen. Manche fürchten sogar Menschen mit plötzlicher Mordlust. Und doch….es wird jemand sterben. Jemand, dessen Tod alle trifft, besonders aber Luise.

Es geht um den Optiker, seinen wirklichen Namen erfahren wir nicht, der sich nicht traut, Selma seine Liebe zu gestehen. Er kann aus zwei Wörtern, die nicht zusammenpassen, aus dem Stand eine enge Verwandtschaft herleiten (z.B. aus den Wörtern „Pfandflaschen und Tannenbäume“).

Es geht um Elsbeth. Sie ist sehr abergläubisch und sorgt dadurch für einige skurrile Situationen.

Es geht um Martin, Luises bestem Freund. Mit ihm fährt sie im Zug zur Schule, streift mit ihm durch den Wald und bewundert ihn beim Gewichtheben.

Es geht um Palm, Martins Vater. Er schlägt seinen Sohn, trinkt zu viel Alkohol und jagt gerne.

Es geht um Marlies. Eine mürrische, eigenbrödlerische, schlampige und immer schlecht gelaunte junge Frau, die auf gute Empfehlungen schimpft.

Und es geht um Alaska, einen Hund.

Ich habe dieses Buch nicht nur gelesen, sondern auch als Hörbuch gehört. Es wird phantastisch von Sandra Müller gelesen. Ihre zarte Stimme passt perfekt zu der Geschichte.

 

Im zweiten Drittel des Buches ist Luise ca. 20 Jahre alt und macht eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Unter kuriosen Umständen lernt sie den buddhistischen Mönch Frederik kennen und lieben.

Das letzte Drittel des Buches umfasst Luises Leben bis zum 35. Lebensjahr. Als Leser begleiten wir sie und die anderen Dorfbewohner durch einige gemeinsame Jahre. Wir erleben Glück, Liebe, aber auch Sorgen und Traurigkeit. Und natürlich jede Menge lustiger Szenen und Dialoge.

Mein Fazit:

In einer wundervollen Sprache mit feinem Humor sorgte Mariana Leky hier für mich für ein unvergessliches Leseerlebnis. Kopfkino mit allen Sinnen. Gänsehaut. Am Ende fiel es mir richtig schwer, die liebevoll ausgearbeiteten Charaktere zu verlassen. Seitenweise konnte ich mit ihnen lächeln, leiden, rätseln, hoffen und trauern.

„Sie waren heilfroh und nahmen sich vor, sich künftig an allem zu freuen und  dankbar zu sein, weil sie noch vorhanden waren. Sie nahmen sich vor, sich zum Beispiel endlich einmal ausgiebig an dem Lichtspiel zu freuen, das die Morgensonne in den Apfelbaumzweigen veranstaltete. Die Leute im Dorf hatten sich das schon häufig vorgenommen, wenn zum Beispiel ein Dachziegel sie nicht getroffen hatte oder eine schlimme Verdachtsdiagnose ausgeschlossen worden war. Aber immer kam nach kurzer Zeit der Dankbarkeit und Freude dann ein Wasserrohrbruch oder eine Nebenkostenabrechnung, und da waren Freude und Dankbarkeit dann schnell verwässert, da war man dann nicht mehr dankbar, da war man dann verärgert, dass mit einem selbst auch Nebenkostenabrechnungen oder Wasserrohrbrüche vorhanden waren, und das Sonnenlicht im Apfelbaum konnte einpacken.“

Beim Lesen markiere ich gerne schöne Sätze. Bei diesem Buch gab es so viele wunderschöne Sätze und Stilelemente, so dass mein Buch eigentlich nur aus bunten Zetteln besteht.  😊

Ein Lieblingsbuch halt…

„Frederik knöpfte sehr konzentriert, als würden nachfolgende Generationen wertvolle Schlüsse aus der Art des Aufknöpfens ziehen können. Das dauerte enorm lang, als knöpfte Frederik die ganze Strecke zwischen Deutschland und Japan auf, und das gab der Verstockung Gelegenheit, es sich neben uns auf der Fensterbank gemütlich zu machen. Wegen der Verstockung dachte ich daran, dass ich noch nie so nackt vor jemandem gestanden hatte, wie ich gleich vor Frederik stehen würde, wenn er die ganze Strecke aufgeknöpft hätte, ich dachte daran, dass ich immer dafür gesorgt hatte, dass Nacktheit unbeleuchtet war und unter einer Decke…“

Von Okapis hatte ich vor dem Lesen dieses Buches noch nie gehört. Dabei sind es sehr außergewöhnliche und interessante Tiere. Zum einen handelt es sich bei dem Okapi um das letzte entdeckte Säugetier (1901), zum anderen hat es äußerliche Merkmale von mehreren Tieren: Giraffe, Tapir, Reh, Zebra und Maus. Es stammt aus Afrika und ist unter anderem im Kölner Zoo zu bewundern.

(Foto: Quelle Pinterest)

Ich empfehle euch dringend dieses Buch zu lesen. 😀

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Werde ich mir umgehend besorgen !
    Nachdem ich deine Rezension gelesen habe kann ich ja gar nicht mehr anders …

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