Und wenn die Welt verbrennt von Ulla Scheler

 

„Und wenn die Welt verbrennt“ von der jungen Autorin Ulla Scheler hat mich begeistert, bewegt, berührt. Auch Tage nachdem ich das Buch beendet habe, wirkt es nach. Alisa und Felix schwirren in meinem Kopf, ich sehe Kreidebilder auf der Straße, ich lausche den gefühlvollen Worten.

„Ich nahm den Wassermalkasten und den Block mit Aquarellpapier, tunkte die Spitze meines Pinsels in das Wasserglas, das ich seit Tagen benutzte, und fing an. Erst stark verdünnt, mit wenig Farbe. Es sah aus, als würde sie sich langsam auf dem Papier materialisieren, aus dem Nebel auftauchen. Farbe, Blatt, Pinselspitze. Bis sie schließlich dort saß, auf dem 120-Gramm-Papier, ihr Buch auf den Knien, und zweitausend Kilometer über meine Schulter hinwegschaute. Es war nur eine kleine Skizze, aber ich spürte den Wind, der über meine Haare strich, und die Sonne auf meinem Gesicht – ganz aufmerksam, wie wenn man etwas Großes geleistet hat und ganz still wird.“

Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch in einer Radiosendung auf 1Live, in der das Buch empfohlen wurde. Dort war die Rede davon, dass das Buch in einer bildhaften, poetischen Sprache geschrieben sei. Bei diesen Worten hänge ich am Haken. Nichts wie in den Buchladen.

„Er ordnet die Kreide vor sich neu und schiebt einige Farben ein Stück nach vorne. Sind das meine Farben? Die Aufregung sammelt sich in meinem Magen, und ich wünsche mir ein Stück Plopp-Folie, um mich beim Zerdrücken der Blasen zu beruhigen. Dann schaut er auf, und er sieht nicht mein Gesicht an, sondern mich.“

Alisa und Felix lernen sich auf der Straße kennen. Dort wo Felix regelmäßig seine Kreidemilder malt, fröhliche Bilder von Passanten. Malen ist seine Leidenschaft, ebenso wie Kochen. Er bewundert seinen großen, erfolgreichen Bruder und studiert deshalb BWL.

„Mein ganzes Leben hatte ich genau wie mein Bruder sein wollen. Aber jetzt – wo ich in seiner Stadt wohnte, in einer Wohnung, die er ausgesucht hatte, dasselbe studierte wie er, in seinem Büro arbeitete – stellte ich fest, dass es nicht die Wahrheit war. Ich wollte irgendjemand anderes sein, aber es war niemand übrig.“

Die Beziehung zwischen Felix und seinem Bruder David spielt eine große Rolle in der Geschichte. Es geht dabei um Identifikation, Ehrlichkeit, Familie. Alles bröckelt, wankt und entsteht wieder neu.

Felix und Alisa lernen sich näher kennen und lieben. Es entwickelt sich eine zarte Beziehung zwischen ihnen.

„Jetzt bin ich also in seiner Wohnung, kleiner Käfer, und habe angefangen zu summen. Wie ich es immer tue, wenn ich nervös bin und meine Gedanken in einen Klangteppich wickeln muss. Du weißt das, aber Felix weiß es nicht. Ich bin erstaunt und erleichtert, dass er meine Anspannung nicht bemerkt. Unser Gespräch fühlt sich unecht an wie eine Rose ohne Duft.“

Felix zweifelt an seinem Talent. Alisa bestärkt ihn, fängt ihn auf. Schon recht früh ahnt man, dass Alisa, Studentin der Medizin, ein Geheimnis verbirgt. Ein Geheimnis, das ihr Leben prägt und ihr große Schuldgefühle bereitet. Als Leser fiebert man mit, möchte unbedingt, dass Alisa ihm von ihren Problemen erzählt, sich helfen lässt.

„Ich hätte Angst, dass er nicht nachvollziehen kann, wie sich Schuldgefühle in Knochen graben. Wie ein Gedanke, immer wieder gedacht, zu einer eigenen Stimme im Kopf werden kann. Wie schlimm sich die Erinnerung anfühlt, wenn man ganz von ihr eingehüllt ist. Vielleicht würde er denken, dass ich es mir selbst unnötig schwer mache. Vielleicht würde er denken, dass ich einfach aufhören kann, mich schuldig zu fühlen. Als hätte ich das nicht schon probiert. So wie wenn Leute einer depressiven Person sagen, sie solle die Dinge doch mal positiv sehen. Oder einer übergewichtigen Person unterstellen, dass Abnehmen ganz einfach sei, wenn man nur ein wenig Selbstdisziplin habe.“

Später taucht ihr Bruder auf, Adrian. Beide wurden von Erika und Martin als Kinder adoptiert. In weiteren Verlauf der Geschichte wird sich klären, welche Rolle diese drei Personen in Bezug auf Alisa´s Schuldgefühle spielen. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass das Thema Feuer eine zentrale Rolle spielt. Feuer und Gewalt.

„Dann ist er über dich hergefallen. Du erzählst, wie die Fäuste auf dich niedergegangen sind, und ich spüre den Schrecken, den du gespürt haben musst. Die Fäuste haben deinen Magen getroffen, deine Rippen und deine Arme. Du hast geschrien, aber obwohl das Fenster offen gewesen ist, ist niemand gekommen. Die Rasenmäher draußen und der Wunsch nach Vorstadt-Idylle sind lauter gewesen.“

Felix kellnert in einem Lokal, in dem auch Olli arbeitet. Sie ist nicht nur seine Kollegin, sondern auch eine gute Freundin, der er sich anvertraut.

„Mit Olli ist alles einfach. Bei Olli gab es keine Zweifel. Olli war von Natur aus so gut gelaunt, dass sie auch auf ihrem biometrischen Passbild lächelte.“

Die Autorin lässt Felix und Alisa in abwechselnden Kapiteln in der Ich-Form erzählen. Eine Identifikation mit den beiden fällt dadurch sehr leicht, ihre Beweggründe werden eindrücklich und nah, es entsteht ein sehr geringer Abstand zum Leser.

Die Geschichte steuert auf einen Showdown zu, der mich das Buch nur ungern aus der Hand legen ließ.

Mein Fazit: Ein Buch, das mir sehr nahe ging. Ich habe nicht nur die Authentizität der Charaktere, den Spannungsaufbau, die Gliederung in kleine, abwechselnd erzählte Kapitel geliebt, sondern vor allem die außergewöhnliche, fulminante, bildhafte, gefühlvolle Sprache. Es handelt sich um eine Geschichte, in der viele Themen miteinander verwoben werden: Liebe, Familie, Freundschaft, Verrat, Kunst, Talent, Identität, Gewalt, Schuld…

Von mir gibt es deshalb eine unbedingte Leseempfehlung!

Ich jedenfalls habe sofort Ulla Schelers Debütroman „Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen“ auf meine Wunschliste gesetzt. Dieser Roman war für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert.

Ulla Scheler war so nett, mir ein paar Fragen zu beantworten, die ich hier gerne wiedergeben möchte. Vielen lieben Dank dafür, Ulla!!!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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