Gun Love von Jennifer Clement

 

Atemlos habe ich dieses Buch beendet. Als Leser wurde ich gerüttelt, geschüttelt und dann wieder gestreichelt. Hätte man mich während des Lesens an medizinische Geräte angeschlossen, ich glaube, die Auswirkung der Geschichte auf meinen Herzschlag wäre messbar gewesen.

 

 

Das soziale Setting des Romans findet sich im heutigen Amerika. Die 14-jährige Pearl lebt seit sie ein Baby war mit ihrer Mutter auf einem Trailerpark im Auto. Pearl´s Reich sind die Vordersitze, das Armaturenbrett muss für ihre Habseligkeiten reichen, ihre Mutter schläft auf den hinteren Sitzen, der Kofferraum ist Küche und Schrank zugleich. Die Bewohner des Trailerparks sind Menschen am Rande der Gesellschaft. Pearl´s Mutter stammt aus einer wohlhabenden Familie, viel mehr erfährt man als Leser nicht von der Vergangenheit vor dem Leben im Auto. Sie hat keinen Schulabschluss, mit 16 wurde sie schwanger, ist gebildet und spielt Klavier.

Die Liebe zwischen Mutter und Tochter ist groß und auf jeder Seite des Buches spürbar.

„Du bist der Apfel an meinem Apfelbaum.“

Wenn die beiden in ihrem Mercury liegen und die Sterne betrachten, geht mir das Leserherz auf. Im Mittelpunkt der Story stehen immer wieder Waffen. Für mich ist es unvorstellbar, dass Pistolen und Gewehre so gegenwärtig sein können. Die Story ist hart und schwer verdaulich, vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass es tatsächlich Menschen gibt, die unter solchen Umständen leben.

„Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen.“

 

 

Was dieses Buch zusätzlich zur spannenden Handlung großartig macht, ist die poetische, metapherreiche Sprache, die in ihrer Schönheit und Zartheit den Kontrast zu den brutalen Lebensverhältnissen bildet. Die Kraft der Poesie, der Liebe und der Phantasie macht selbst die schlimmsten Umstände ertragbarer. Ich habe beim Lesen gelitten, geweint und gelächelt. Ein Buch, das alle Sinne anspricht. Man hört förmlich die Schüsse und riecht den Müll der Müllkippe neben dem Park. Mein Buch ist voller bunt markierter Sätze, die ich wieder und wieder lesen könnte…

„Ich? Ich wuchs in einem Auto auf, auf wenn man in einem Auto lebt, hat man keine Angst vor Blitz und Donner, das Einzige, wovor man Angst hat, ist der Abschleppwagen.“

„In diesem Teil von Florida bekamen Dinge schnell eine Kugel verpasst, einfach nur so.“

Ein Lieblingsbuch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann! Danke Jennifer Clement für dieses grandiose Buch, in dem sich jeder Satz wie ein kleiner, entdeckter Schatz liest.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.