Junger Mann von Wolf Haas

 

„Junger Mann“ von Wolf Haas ist mein erstes Buch dieses Autors. Und es wird sicher nicht mein letztes Buch von ihm sein. Es ist grandios. Danke, Wolf Haas, für ein humorvolles, anrührendes, großartig geschriebenes Buch!

Gelesen habe ich das Buch während unserer Tour mit dem Bulli durch Süd-Holland. Und natürlich habe ich IMMER ein Buch im Rucksack, so dass mich der junge Mann auch auf einer Fahrradtour nach Den Haag begleitet hat (siehe Titelbild).

Worum geht es? Die Geschichte spielt in den 70er Jahren. Der zwölfjährige, übergewichtige Held des Romans arbeitet während der Sommerferien an einer Tankstelle. Die Beschreibung seiner Tätigkeiten dort zelebriert Haas sprachlich folgendermaßen:

„Am Zerquetschungsgrad der Wespen und Fliegen auf den Windschutzscheiben konnte ich die Raser von den besonnenen Fahrern unterscheiden. Manche Insekten waren so mit der Scheibe verschmolzen, dass man ein Schwammerl wurde, bis man die Krusten weggeschrubbt hatte.“

Der Ich-Erzähler trägt nicht nur den Namen des Autors, sondern hat auch viele Erlebnisse mit diesem gemein. So zum Beispiel sein Übergewicht in der Jugend sowie die Verliebtheit in eine zehn Jahre ältere Frau. Eines Tages fährt der Freund seines älteren Bruders namens Tscho an der Tankstelle vor und er ist nicht allein im Auto.

„Zuerst hielt ich die Erscheinung aber für eine Halluzination. Hervorgerufen durch die Kälte oder durch die Benzindämpfe. Erstens: Warum hatte ich die Person nicht schon vor dem Einfrieren der Scheibe gesehen, zweitens: Wie konnte es so ein überirdisches Lächeln geben? Noch nie hatte ich so ein Lächeln gesehen. Überhaupt noch nie so ein Gesicht. Diesem Gesicht sah man unzweifelhaft an, dass meine fensterputzerische und eiskratzerische Hingabe geschätzt und gewürdigt wurde. Dieses Lächeln sympathisierte in einer Weise mit mir, dass ich nicht anders konnte, als mit diesem Lächeln ebenfalls zu sympathisieren. Aber Sympathisieren wäre vielleicht noch in Ordnung gewesen. Mein Leben wäre normal weitergegangen, wenn ich nur sympathisiert hätte. Wenn ich mich nicht augenblicklich um den Verstand verliebt hätte. Aber dafür war es jetzt zu spät.“

Der junge Mann unternimmt nun alles, um abzunehmen. 15 Kilo wird er am Ende des Sommers geschafft haben. Auch den persönlichen Kontakt zu Elsa kann er herstellen. Zufälligerweise hat er eine Fahrradpanne vor ihrem Haus und muss unfreiwillig ihre Hilfe annehmen. Im späteren Verlauf der Geschichte wird der junge Mann ihr sogar einige Brocken Englisch beibringen.

Tscho, der Ehemann von Elsa, erfährt von seinen guten Englischkenntnissen und nimmt ihn in seinem LKW mit auf die weite Fahrt nach Thessaloniki. Unterwegs zeigt Tscho ihm das Meer, sie wickeln seltsame Geschäfte ab, besorgen eine Waffe und lernen Frauen aus dem „Paradiz“ kennen. Am Ende der Fahrt erzählt Tscho dem jungen Mann von seiner Krankheit, die ihn vermutlich nicht mehr lange leben lässt. Er nennt sie „Grebs“.

Der schwarze, bissige Humor von Wolf Haas hat mich tief beeindruckt und mir ständig ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Die Personen im Buch muss man als Leser einfach nur lieben. Die Dialoge und die Beschreibungen des Ich-Erzählers sind köstlich, ein wahrer Lesegenuss.

„Auf der Rückfahrt war der Tscho sehr schweigsam. Natürlich nicht schweigsamer als sonst. Das wäre rein logisch unmöglich gewesen. Den schlimmsten Schreianfall der Weltgeschichte bekam unser Mathelehrer, als einer rechnete: Drei mal null ist drei. Da dem Schreihals bei einem Finger das vorderste Glied fehlte, spekulierten wir, dass er beides im Krieg verloren hatte: Fingerglied und Geduld. „Drei mal nichts!“, brüllte er, dass die Wände wackelten. „Ist nichts!“ Logisch betrachtet hatte er ja recht. Andererseits erlebte ich es gerade. Nichts redete der Tscho meistens. Aber jetzt redete er drei mal nichts.“

Dieses Buch passte perfekt zu unserem Urlaub. Gelesen wurde es in und am Bulli. Dabei ist auch mein Lieblingsfoto entstanden. Lesen, Urlaub, Bulli, Natur, frische Luft, Sonne, liebe Menschen. Was will man mehr?

 

 

 

Der meistzitierte Satz des Buches, der an zwei Stellen auftaucht, lautet:

„Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt schon immer am interessantesten.“

Dieses Buch hat mich mit voller Wucht getroffen, die Sätze purzeln immer noch in meinem Kopf herum. Es ist voller spitzer Formulierungen, die mich bezaubern und mitten ins Herz treffen. Hätte ich alle schönen Sätze farblich markiert, wäre aus den Seiten ein bunter Buchstabenteppich entstanden.

Das Buch habe ich aufgrund des Covers zunächst ignoriert und jetzt gefällt mir das Titelbild so gut, weil es einfach perfekt in die 70er Jahre und zur Handlung passt.

„Die Waage war orange, eine fröhliche Farbe, die mich optimistisch stimmte. Ich zog den Bauch ein und hoffte auf eine Zahl unter 80. Die goldene Regel. Größe in Zentimeter minus 100. Im Idealfall noch weniger. Die fröhliche Waage hatte aber einen schlechten Tag und zeigte 93 Kilo.“

Ab mit dem Buch ins Lieblingsbuchregal! Lest dieses Buch bitte unbedingt. Ich werde es es mir sicher irgendwann wieder greifen und nochmal lesen…und genießen. Und lächeln!

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.