Kurt von Sarah Kuttner

 

WOW! Ein so gutes, berührendes, trauriges, unvergessliches, lustiges Buch!

Ich wollte „Kurt“ nicht lesen. Nein. Niemals. Lange habe ich mich gesträubt. Aus verschiedenen Gründen. Jetzt liegt das Buch gelesen neben mir. Ich bin traurig, weil die letzte Seite umgeblättert ist. Weil ich den großen und den kleinen Kurt so wahnsinnig gerne in den Arm nehmen würde. Ich kann das Buch nicht aus der Hand legen, möchte nochmal anfangen, obwohl ich weiß, was mich erwarten wird oder gerade deshalb. Ich liebe die Geschichte, die Kurts und Lena. Pflanze mit ihnen Jasmin, tanze mit ihnen im Regen, zertrümmere Fliesen, verstecke Andenken hinter der Waschmaschine und nicht zuletzt weine und lache ich mit ihnen.

Im Roman geht es um den Tod des kleinen Kurt und darum wie die Patchworkfamilie damit umgeht. Lena liebt den großen Kurt, der einen kleinen Sohn namens Kurt hat. Lena und Kurt ziehen raus nach Brandenburg, damit der Junge in der Nähe seine leiblichen Mutter wohnt. In nur kurzer Zeit schließt Lena den kleinen Kurt in ihr Herz. Plötzlich stirbt er bei einem Sturz vom Klettergerüst. Die Trauer trifft seine Eltern mit voller Wucht. Aber auch Lena ist berührt, empfindet Schmerz und Trauer. Doch wie soll sie als „Stiefmutter“ damit umgehen? Diese zentrale Frage beschäftigt Lena. Darf sie trauern? Wie weit darf sie sich in den Trauerprozess der leiblichen Eltern einmischen? Wann darf sie trösten, lachen, selber weinen?

„Darf man Menschen, die trauern, auf etwas Schönes außerhalb der eiterigen Blase hinweisen oder wertet man damit ihr Leid ab?“

Was bedeutet der Tod des kleinen Kurt für die Liebe zum großen Kurt? Diese Fragen lassen vordergründig auf einen traurigen Roman mit Kummer und Tränen schließen. Doch das ist er nicht, jedenfalls nicht nur. Die Art wie Lena mit der Situation umgeht finde ich großartig. Immer wieder ergeben sich humorvolle Szenen, die den Kummer für Momente vergessen lassen und die Gedanken an eine Zukunft ohne den kleinen Jungen zulassen. Wie Sarah Kuttner diesen Humor sprachlich in die Handlung bettet, hat mich sehr, sehr berührt.

„Ich will ihm nicht sagen, dass irgendetwas weitergeht. Obwohl es das natürlich tut. Wir zahlen Rechnungen, seit Kurt nicht mehr da ist. Wir kochen, wir schlafen, wir arbeiten, wir leben einfach. Weil im Grunde natürlich allesallesalles weitergeht. Die Welt bleibt nicht für eine beschissene Sekunde stehen. Sie zögert noch nicht einmal.“

 

Nicht nur die Geschichte an sich, sondern auch die Sprache der Autorin hat mich gepackt, beeindruckt und geschüttelt.

„Überraschenderweise hinterlässt einen der Tod erst mal gar nicht traurig, sondern vor allem fassungslos. Er wirft eine dicke, undurchlässige Decke aus lähmendem Entsetzen über Hinterbliebene und versucht, sie darunter zu ersticken, weil man vollkommen versteinert und vom Schock entkräftet keine Energie hat, um die Decke zu lüften oder gar wegzustoßen. Man liegt einfach darunter, merkt, wie die Luft immer dünner wird, und beginnt, das eigene Dahinschwinden als angenehm zu empfinden. Als angebracht sogar. Ich kann Kurts Decke nicht heben. Ich habe es versucht. Wir liegen nicht unter derselben. Unter meiner tastet meine Hand immer wieder zu seiner Decke rüber, eine Öffnung suchend. Aber Kurts Decke ist schwerer als meine. Und sie ist vollkommen dicht. Auf allen Seiten.“

Anfang Juni hatte ich das Glück Sarah Kuttner auf einer Lesung in Düsseldorf zu begegnen und mein Buch signieren zu lassen. Die Lesung war klasse, ich habe Tränen gelacht. Kuttners Humor trifft meinen perfekt.

Mein Buch ist voller markierter schöner Sätze und verdient es sicher nochmal gelesen zu werden. Schon jetzt eines meiner Highlights 2019!

„Der Frühling kommt erst, nachdem Kurt gegangen ist. Ich weiß nicht, ob ich das rücksichtsvoll oder unangemessen finden soll. Der Garten explodiert scheinbar über Nacht in grellen Farben…… Alles, was vor wenigen Wochen noch knorrig und blattlos und trocken war, wird auf einmal dicht und satt und vor allem: lebendig! Wenn sich irgendwo eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Sagt man. In unserem Fall ein unfairer Deal.“

Übrigens wird das Hörbuch von Sarah Kuttner selber gelesen. Auch das ist überaus hörenswert!

 

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