Lincoln im Bardo von George Saunders

 

Lincoln im Bardo von George Saunders ist anders als alles, was ich je gelesen habe. Originell, faszinierend, speziell, grandios. Ein Buch, bei dem man beim wiederholten Lesen immer neue Kleinigkeiten entdeckt.

Historische Fakten vermischt Saunders gekonnt mit einer Geistergeschichte. Die Handlung, wenn man überhaupt von einer Handlung sprechen kann, spielt auf einem Friedhof. Amerika befindet sich im Bürgerkrieg. Der amerikanische Präsident Lincoln verliert seinen geliebten elfjährigen Sohn Willie, der an einer Krankheit verstirbt. Der trauernde Lincoln besucht nachts dessen Grab, um seinen Sohn nochmal im Arm zu halten und alleine Abschied von ihm zu nehmen. Im Laufe dieser Nacht tauchen Geister der Toten auf dem Friedhof auf, die die Situation kommentieren und Auszüge aus ihrem Leben schildern. Willie befindet sich im Bardo, einem Zwischenreich zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Auszüge aus realen Berichten, Zitate, Gespräche der Geister und die Handlung von Lincoln auf dem Friedhof wechseln sich ab.

 

 

Neben den berührenden Szenen zwischen dem Präsidenten und seinem toten Sohn erhält der Leser nebenbei Informationen aus dem damaligen Zeitgeschehen. Mit den teils skurrilen, humorvollen und bewegenden Kommentaren der Geister wird das Geschehen ergänzt. Welche Rolle der vielstimmige Chor hier einnimmt, ist großes Kino. Sämtliche Gefühle werden im Roman angesprochen. Der Kampf der Geister um die Seele des kleinen Jungen ist rührend. Aber auch der Tod zu Kriegszeiten ist ein zentrales Thema der Geschichte. Willie ist nur einer unter Tausenden, dessen Leben zu dieser Zeit endet. Soldaten verlieren ihr Leben auf grausame Weise im Bürgerkrieg. Zum Glück gibt es auch humorvolle Szenen und Dialoge, die die Traurigkeit mit einem Lächeln in den Hintergrund rücken können.

Was ist ein Leben wert? Was kann Liebe bewirken? Was kommt nach dem Tod? Können Geister Einfluss nehmen auf tatsächliches Geschehen?

Ein Buch, das besticht durch seinen genialen Aufbau, die kleinen Fragmente der einzelnen Stimmen. George Saunders ist in meinen Augen ein Meisterwerk gelungen. Das Buch wurde 2017 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet.

Ich habe das Buch nicht nur gelesen, sondern auch als Hörbuch gehört. Da es nicht auf Deutsch verfügbar ist, habe ich mir die englische Version angehört. Und was soll ich sagen? Es ist genau so großartig wie das Buch. 160 Erzählstimmen kommen im Hörbuch zu Wort. Genial!

Mich hat das Buch sprachlos hinterlassen, aber mit dem Gefühl, eines der genialsten Bücher in meinem Leseleben gelesen und gehört zu haben.

Wie ging es euch beim Lesen?

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