Unter der Haut von Gunnar Kaiser

 

Das Buch „Unter der Haut“ von Gunnar Kaiser geht wahrlich unter die Haut. Mir zumindest. Ein Buch, das in die Kategorie Lieblingsbuch fällt und nochmals gelesen werden möchte. Unbedingt sogar. Ein Buch, das mich auch noch Tage und Wochen nach dem Lesen beschäftigt.

Da ich das Buch über weite Strecken als Hörbuch gehört und nur teilweise gelesen habe, werde ich das Gefühl nicht los, dass ich beim zweiten Lesen noch viele, viele Kleinigkeiten entdecken werde, die mir beim Hören während der Autofahrt verloren gegangen sind. Das Hörbuch wird hervorragend von Julian Mehne und Reinhard Kuhnert gelesen. Ich habe ihren Stimmen gerne gelauscht.

Worum geht es?

Der erste Erzählstrang spielt im Sommer 1969 in New York. Der 20-jährige Student Jonathan Rosen (Ich-Erzähler) lernt den geheimnisvollen älteren Mann Josef Eisenstein kennen. Dieser führt Jonathan nicht nur in die Welt der Literatur und Kunst ein, sondern auch der Liebe und Erotik. Als Voyeur schaut er beim ersten sexuellen Erlebnis von Jonathan mit einem Mädchen sogar zu. Diese ersten Liebesbegegnungen von Jonathan finden stets unter den Augen von Eisenstein in dessen Atelier statt. Doch schon nach kurzer Zeit ahnt Jonathan, dass Josef Eisenstein, der so gut wie nichts von sich preisgibt, etwas verbirgt. Doch bevor Jonathan etwas über Eisenstein in Erfahrung bringen kann, verschwindet dieser spurlos.

Zeitgleich finden im New York des Jahres 1969 grausame Morde an jungen Mädchen statt. Bis auf Kopf und Füsse gehäutet findet man sie im Hudson River.

Im zweiten Erzählstrang erfahren wir Leser die Geschichte von Josef Eisenstein in seinen jungen Jahren. Wir befinden uns in den 30er Jahren in Weimar und Berlin, wo der junge Jude Eisenstein unter schwierigen Bedingungen aufwächst. Die Mutter ist mehr interessiert an ihrer Karriere beim Theater als an ihrem Sohn, der Vater, Sprachwissenschaftler, schreibt an seinem Buch „Die Geschichte der deutschen Sprache“.  Josef wächst schließlich bei seiner Tante in Berlin auf und nimmt deren Nachnamen Schwarzkopf an. Während das Leben der Juden in diesen Jahren in Berlin immer schwieriger wird, lebt Josef weitgehend unbeachtet. Er klaut wertvolle Bücher und macht eine Lehre als Buchbinder. Während Jonathan Rosen als Sohn deutscher Juden in Amerika geboren wird, kommt Josef Eisenstein als erwachsener Immigrant in die USA.

Erst viele Jahre später, im Jahr 1990, laufen einige Handlungsstränge geschickt zusammen. Jetzt führt uns der Autor nach Israel und schließlich nach Argentinien. Zum Ende des Buches möchte ich an dieser Stelle nichts weiter ausführen, lediglich folgendes sei gesagt: Es ist GRANDIOS. So grandios, dass es noch lange in meinem Kopf rumschwirrt und ich auch jetzt noch über einzelne Auflösungen oder eben Nichtauflösungen nachdenke.

Die Beschreibung der Obsession, der Leidenschaft für Bücher wird von Gunnar Kaiser beschrieben wie die Leidenschaft zweier liebender Menschen.

„In all den Jahren“, sagte er, „habe ich nicht rausgefunden, worauf es mehr ankommt im Leben: ein Mädchen zu verführen oder ein gutes Buch zu lesen.“

Wenn ich gefragt werde, worum es in diesem Buch geht, kann ich gar nicht alles aufzählen: Bibliomanie, Freundschaft, Mord, Judentum, Immigration von Deutschen in die USA, Nazis, Haut, Verbrechen, Bücherliebe, Leidenschaft, Identität…

Sprachlich herausragend, intelligent aufgebaut, mit subtiler Spannung, vielschichtigen Charakteren und interessanten historischen Hintergründen.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass das Buch auch haptisch und optisch besonders ist. Die Buchstaben des Titels auf dem Schutzumschlag sind ausgestanzt, so dass das Buch darunter sichtbar wird. Man blickt auf das Innere des Menschen, auf den Teil, der unter der Haut ist. Großartig!

 

„Wir erinnern uns, wie wild und ungezügelt man damals las, wie vielleicht kurz nach dem Krieg und dann nie mehr. Wie gefährlich das Lesen einst war, ein Abenteuer. Wir lasen ohne Rücksicht und ohne Scheu, im Café, in der Subway, am Fluss und immer wieder in der kühlen Dunkelheit der Bibliothek. Eine fiebrige Suche nach Intensität, eine Gier nach ekstatischer Erfahrung in der Literatur – ein Verlangen, das manchmal sogar befriedigt wurde.“

 

 

Ein Leseerlebnis, das nachwirkt! Danke Gunnar Kaiser!

Jetzt freue ich mich wahnsinnig auf die Wohnzimmerlesung von Gunnar Kaiser bei uns zu Hause…

 

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